Literatur im Schloß

Am 11. November 2009 - 19:30 Uhr

»Literatur im Schloß: Die Manns« Der kleine Grenzverkehr. Zum Verhältnis von Wirklichkeit und Literatur in den großen Romanen Thomas Manns.

Vortrag von Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Buddenbrookhaus Lübeck

Thomas Manns Romane stehen alle in einem ganz einzigartigen Verhältnis zur Wirklichkeit. Sie zeugen auf der einen Seite von einem ausgeprägten Realismus. Die Oberfläche der Realität, die Einzelheiten der Menschen, Landschaften, Gebäude und Gegenstände werden oft genauestens geschildert. Sie spielen auf der anderen Seite in Traumwelten, die mit der geschilderten Wirklichkeit kaum etwas gemein haben. Wie das komplizierte Wechselspiel sich darstellt, wie seine Kunst es immer wieder schafft, diesen eigentlich unüberbrückbaren Gegensatz zu überwinden – das versucht der Vortrag anhand von Beispielen zu zeigen. Die behandelten Romanwelten reichen dabei von den frühen Buddenbrooks bis hin zum Spätwerk, dem Doktor Faustus und dem Felix Krull.

Prof. Dr. Hans Wißkirchen, geboren 1955 in Düsseldorf, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Thomas Manns »Der Zauberberg« und »Doktor Faustus«. Seit 1993 ist er Leiter des Buddenbrookhauses, seit 2001 als Direktor der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck auch für das Günter Grass-Haus verantwortlich. Seit 2006 ist er als geschäftsführender Direktor der LÜBECKER MUSEEN und Honorarprofessor für Neuere Deutsche Literatur an der Medizinischen Universität zu Lübeck tätig. Hans Wißkirchen ist Vorstandssprecher der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten in Berlin sowie Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft und Vizepräsident der Heinrich Mann-Gesellschaft.

Am 18. November 2009 - 19:30 Uhr

»Literatur im Schloß: Die Manns« “Spitzbübischer Spötter“ und „Treuherzige Nachtigall“? Thomas Mann und Hermann Hesse – zur Genese einer Freundschaft.

Vortrag von Volker Michels, Suhrkamp Verlag Frankfurt, mit anschließender Diskussion

Verschiedener kann man nicht sein als der großbürgerliche Kaufmannssohn Thomas Mann und der zivilisationskritische  Hermann Hesse, Sohn pietistischer Missionare. Thomas Mann: von weltläufiger Eleganz, virtuos, extrovertiert und stets auf Repräsentanz bedacht; Hermann Hesse: schwäbisch-bedächtig, öffentlichkeitsscheu und introvertierter Outsider. Enzyklopädist und norddeutscher Leistungsethiker der eine, Lyriker, Maler und asketischer Moralist der andere. Und dennoch beide: Inbegriff besten Deutschlands des letzten Jahrhunderts mit einem Lebenswerk von einzigartigem Reichtum und gleichermaßen weltweiter Wirkung. Auf welche Weise diese so unterschiedlichen Charaktere zusammenfanden, ist eines der Themen dieses Vortrags. Ein anderes ist ihr Humor, ihr unterschiedliches und höchst aufschlußreiches Verhältnis zur Musik, ihr Leiden an Deutschland, das Hesse bereits 1912, Thomas Mann 1933 dazu bewogen hat, die Heimat zu verlassen. Diese und weitere verblüffende Gemeinsamkeiten, die trotz gegensätzlicher Naturelle eine Freundschaft ermöglicht haben, zeigt Volker Michels anhand der Korrespondenz der beiden Dichter und am Beispiel noch unbekannter Aufzeichnungen aus Hermann Hesses Nachlaß, die in ihrer unstilisierten Offenheit als Gegenstück zu den Tagebuchnotizen Thomas Manns gesehen werden können.

Volker Michels, 1943 in Villingen, Schwarzwald, geboren, besuchte die Schule Schloß Salem und studierte Medizin und Psychologie in Freiburg und Mainz. Seit 1970 war er als Lektor für deutsche Literatur und als Herausgeber zahlreicher Autoren und Editionen im Suhrkamp und Insel Verlag tätig. Besonders widmete er sich der Publikation der nachgelassenen Schriften, Briefe, der politischen und kulturkritischen Schriften von Hermann Hesse sowie von Materialienbänden zu den Hauptwerken dieses Autors. Im Jahr 2008 schloß er die Arbeit an der ersten Gesamtausgabe der Werke Hermann Hesses ab – diese umfaßt 21 Bände und 14.000 Seiten.

Am 25. November 2009 - 19:30 Uhr

»Literatur im Schloß: Die Manns« Heinrich Mann und Thomas Mann. Ein deutscher Bruderzwist. Aus den Quellen dokumentiert von Hanjo Kesting.

Ein literarischer Abend von Dr. h. c. Hanjo Kesting mit Ursula Illert, Siegfried W. Kernen und Jochen Nix; 
Einführung: Dr. h. c. Hanjo Kesting

Heinrich und Thomas Mann

Als der Erste Weltkrieg begann, standen sie auf der Höhe ihres Lebens und gehörten zu den namhaftesten deutschen Autoren: die Brüder Heinrich Mann und Thomas Mann. Der jüngere Thomas hatte mit den Buddenbrooks die europäische Romankunst des 19. Jahrhunderts vollendet, der ältere Heinrich galt als Meister politischer Satire, auch wenn sein Roman Der Untertan 1914 nicht mehr erscheinen konnte, und als Ziehvater des Expressionismus (»der Meister, der uns alle schuf« nach einem Wort von Gottfried Benn).
Vieles verband die großen Brüder, in vielem waren sie einander ähnlich. Nur politisch gerieten sie in Planetenferne: Thomas Mann als Verteidiger des deutschen Kaiserreichs, Heinrich Mann als dessen entschiedener Kritiker. Vier Jahre arbeitete Thomas Mann an den Betrachtungen eines Unpolitischen, die im Kern eine Polemik gegen den Bruder darstellen, der darin als »Zivilisationsliterat« attackiert wird.
Hanjo Kesting hat den bitteren Bruderzwist aus Briefen der Brüder und anderen Dokumenten rekonstruiert und zu einer Textcollage zusammengestellt, die auch nach fast hundert Jahren nichts an exemplarischer Bedeutung verloren hat. 

Ursula Illert, Schauspielerin, geboren 1946, Studium an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Engagements an verschiedenen Theatern. 1986 tauschte sie ihren Platz auf der Bühne mit dem hinter den Mikrophonen der Rundfunkanstalten. Es fasziniert sie, allein mit ihrer Stimme die Menschen zu erreichen. Neben der Rundfunkarbeit liest sie Hörbücher ein, ist mit Lesungen, literarisch-musikalischen Kleinkunstprogrammen mit der Musikerin Anka Hirsch oder mit dem Frankfurt Jazz Trio mit Jazz und Lyrik unterwegs.

Siegfried W. Kernen, geboren 1940 in Vorpommern, wuchs am Zürichsee auf. Seit 1964 ist er als Schauspieler in Deutschland tätig. Wichtige Theaterstationen seiner Arbeit sind Bonn, Berlin (Freie Volksbühne, Theater des Westens) und Hamburg (Thalia Theater). Viele Jahre arbeitete er ausschließlich für das Fernsehen. Am nachhaltigsten dürfte sein Zollfahnder Hobel aus den ARD-Wirtschaftskrimis Schwarz-Rot-Gold in Erinnerung sein. Nach reger Tätigkeit für den Rundfunk hält Siegfried W. Kernen in letzter Zeit hauptsächlich Literaturlesungen. Er lebt seit über dreißig Jahren in Hamburg.   

Hanjo Kesting, geboren 1943, war von 1973 bis 2006 Leiter der Hauptredaktion Kulturelles Wort beim Norddeutschen Rundfunk. Seit Mai 2006 ist er als Redakteur der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte tätig. Letzte Publikationen: Ein bunter Flecken am Kaftan. Essays zur deutsch-jüdischen Literatur, Göttingen 2005. – Der Musick gehorsame Tochter. Mozart und seine Librettisten, Göttingen 2005. – Geheimnis und Melancholie. Literarische Zerstreuungen, Hannover 2005. – Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945, Göttingen 2008. 1982 erhielt er den Kritikerpreis der Salzburger Festspiele, 2005 wurde ihm der Kurt-Morawietz-Literaturpreis der Stadt Hannover verliehen, 2007 folgte die Ehrenpromotion der Universität Hamburg. Hanjo Kesting ist Vorsitzender des Kuratoriums der Günter Grass-Medienstiftung Bremen.

Jochen Nix ist Fernseh- und Theaterschauspieler und Regisseur. Seit über 40 Jahren arbeitet er als Sprecher für Funk und Fernsehen, vor allem für den Bayerischen Rundfunk, den Norddeutschen Rundfunk und den Hessischen Rundfunk, seit vielen Jahren auch als Regisseur für Features und Hörspiele. In seiner Laufbahn als Theaterschauspieler spielte er unter anderem den Herzl in George Taboris Mein Kampf (St. Gallen 1992) und die Titelrolle in Lessings Nathan der Weise (Darmstadt 1993). Im Fernsehen gab er u.a. die Hauptrolle in der 13-teiligen Serie Himmelsheim des SWR. Im Frankfurter Raum ist Jochen Nix vor allem auch durch seine Lesungen bekannt.

Am 2. Dezember 2009 - 19:30 Uhr

»Literatur im Schloß: Die Manns« Erschütterndes Ende - Thomas Manns Doktor Faustus

Vortrag von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Volkmar Hansen

Die Formel »Bücher, die die Welt bewegten«, trifft auf den Roman Doktor Faustus, 1947 veröffentlicht, in einer einzigartigen Weise zu. Thomas Mann spiegelt den fiktiven Komponisten Adrian Leverkühn, der ein Nietzsche-ähnliches Schicksal erleidet, in der Beschreibung eines ebenfalls fiktiven Repräsentanten der Inneren Emigration, dem katholisch-humanistischen Biographen Serenus Zeitblom. Die Identifikation mit dem an der Schwelle des Neuzeit stehenden Faust stellt die Frage nach der Legitimität des deutschen, zwischen Glauben und Vernunft vermittelnden Wegs in die Moderne. Die Erschütterung, die diese Suche nach der Bestimmung des »deutschen Geistes« nach dem Zusammenbruch und der Fremdbefreiung auslöst, wird getragen von der Erschütterung des Autors selbst.

Volkmar Hansen wurde in Burg bei Magdeburg geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte und wurde 1974 promoviert.Von 1974 bis 1992 arbeitete er als leitender Redakteur der historisch-kritischen Heine-Ausgabe, 1975/76 begann er seine Lehrtätigkeit an der Universität Düsseldorf und seine internationale Vortragstätigkeit.
1989 Habilitation für neuere Deutsche Literaturwissenschaft, 1993 Vorstand der Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Direktor des Düsseldorfer Goethe-Museums. Er ist Vorsitzender des Arbeitskreises selbständiger Kulturinstitute (AsKI), Mitglied der Deutschen Unesco-Kommission, seit 2007 Vorsitzender der Deutschen Schubert-Gesellschaft. Zahlreiche Publikationen zu Thomas Mann, Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, übersetzt in mehrere Sprachen.

Schüler und Studenten haben freien Eintritt

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